8.2. Die Form der Roten Pyramide

Die Ägyptologen wissen, daß an den antiken Bauten Maße sehr oft runde Werte verwendet wurden. Insofern sind sie mitunter auch bemüht, in Metern gemessene Werte in Ellen umzurechnen. Im Jahre 1997 führte Josef Dorner auf Einladung von Rainer Stadelmann nochmals Messungen an der Roten Pyramide durch, die er erstmals 1980 ausgeführt hatte. Eines der Anliegen war es, die äußeren Maße der Pyramide sowie ihren Neigungswinkel zu bestimmen. In seinem Beitrag „Neue Messungen an der Roten Pyramide“ schreibt er: „Nach wie vor ist eine direkte Ermittlung der Kantenlängen, die nicht von erst später zu beweisenden Hypothesen ausgeht, unmöglich, da der größte Teil der Basis noch mit Schutt überdeckt ist.“ Danach weist er auf die Schwierigkeiten der Bestimmung hin, die nur durch Annahmen einer Lösung zugeführt werden kann. Der hauptsächliche Hindernisgrund ist die Tatsache, daß lediglich ein Fundamentblock an der Süd-West-Ecke ausgegraben ist. Deshalb schreibt er mit vorsichtiger Formulierung: „Die Kontrollen deuten darauf hin, daß die Kantenlänge von 219,08 m zumindest für die Südseite recht gut stimmt. Sie entspricht 418 KE bei einer Länge der Elleneinheit von 52,41 cm.“

Abgesehen davon, daß die korrekte Länge der Königselle den Ägyptologen bis heute nicht bekannt ist – was hier in diesem Zitat erneut deutlich wird –, ist diese durch bloßes Messen schwer bestimmbare Länge nur annähernd richtig ermittelt. Wenn man die angegebene Länge mit dem exakten Wert umrechnet, ergibt dies 418,411... KE, woraus vermutet werden kann, daß die getroffene Annahme nicht korrekt ist. Im folgenden soll bewiesen werden, daß die ursprüngliche Planung eine Länge von 420 KE vorgesehen hatte. Für diesen Beweis ist es erforderlich, die Neigung der Seiten exakt zu kennen. Als Mittelwert errechnete Dorner einen Winkel von 44°44’ = 44,733...°. Trotzdem nimmt er an, daß ursprünglich ein Seitenverhältnis von 1:1 geplant war, was jedoch zu einem Winkel von 45° führen würde.

Hier sehen wir wiederum sehr deutlich, wie man in der Ägyptologie auf das Maß Seked fixiert ist und sich absolut nicht vorstellen kann, daß ein ganz anderes, viel genialeres Verhältnis geplant war. Der tatsächliche Planungswinkel, der weiter unten begründet wird, betrug 44°44’3,6’’ = 44,734333...°. Was ist nun das Besondere an diesem Winkel, der sich überhaupt nicht in Seked ausdrücken läßt? Das Außergewöhnliche dieses Winkels sind einerseits die darin vorkommenden Zahlen von zweimal 44 und der Zahl 3,6, zu denen kein Extrakommentar mehr gegeben werden muß, und andererseits das hinter dem Winkel verborgene Steigungsverhältnis von . Hieran ist vielleicht noch nicht erkennbar, daß dies der entscheidende Winkel sein soll. Aber wir sind erst am Anfang der Beweisführung! Die bestehende Skepsis gegenüber dieser Angabe soll vorab einmal aufs Eis gelegt werden, um die nächsten Schritte zu verfolgen.

Bei diesem Winkel ergibt sich eine Höhe der Pyramide von 208,061538... KE. Kann das stimmen, ein derart unrunder Wert? Michael Haase beanstandet in seinem Buch Das Rätsel des Cheops, daß die Ägypter der Bruchrechnung soviel Wert beigemessen haben, und betrachtet die häufige Verwendung von Brüchen in überlieferten Texten als ein Mangel dieser Zeit. Hier hat Haase weit gefehlt! Konnten die ägyptischen Priester eine Zahl als Bruch darstellen, war dies in ihren Augen stets eine besondere Zahl, die sich obendrein auch noch qualitativ interpretieren ließ. Es muß deshalb geprüft werden, ob die ermittelte Höhe sich als Bruch darstellen läßt. Und tatsächlich: Der dezimale Anteil nach dem Komma (= 0,061538...) läßt sich als Bruch –  – darstellen! Dieser Bruch läßt sich zwar kürzen, ist aber nicht ohne Grund in dieser Form belassen worden. Es ist auffallend, daß der Nenner sowohl im Steigungsverhältnis als auch in der Gesamthöhe gleich ist. Das ist aber erst der Anfang.

Für den nächsten Schritt betrachten wir das Pyramidion, dessen Bruchstücke von Stadelmann ausgegraben und wieder zusammengesetzt worden sind. Stadelmann stellt hierzu fest: „Es ist das bisher einzige aufgefundene Pyramidion des alten Reiches, aus einem monolithischen Kalkstein feinster Qualität gearbeitet, mit einer Basislänge von 3 E = 1,57 m und – sehr überraschend – einem Winkel von etwas mehr als dem an der Pyramide gemessenen von 45°.“

Abbildung 54: Das Pyramidion der Roten Pyramide

Ich habe es nicht unterlassen, das Pyramidion nachzumessen. Die Basislänge von 3 KE muß tatsächlich als das geplante Maß betrachtet werden. Über die Länge der Seitenkanten konnte ich dann eine Planhöhe von 2 KE bestimmen. Damit besitzt die seitliche Dreiecksfläche gemäß Satz des Pythagoras eine Seitenhöhe von 2,5 KE. Das bedeutet aber, dass in diesen Proportionen nichts anderes verewigt ist als der Hauptsatz des Pythagoras. Verdoppelt man nämlich jeden der einzelnen Planwerte des Pyramidions, führt dies zu dem bekannten Hauptsatz des Pythagoras mit der Aussage, dass 3² + 4² = 5² ist.

Mit diesen Maßen sieht die Pyramide an ihrer Spitze aus wie auf Abbildung 55 dargestellt.

Abbildung 55: Das Pyramidion und die Plattform. Man beachte, daß hier nur ein Ausschnitt des obersten Teils der Pyramide mit rund 8,50 m Höhe abgebildet ist, um durch diese Vergrößerung die Situation im Detail besser darstellen zu können.

Daß die Spitze der Pyramide so aussieht, ist eher unerwartet, glaubt man in der Fachwelt doch, daß Pyramidenkörper und Pyramidion nahtlos ineinander übergehen. Hier sehen wir jedoch eine Konstruktion, die um das Pyramidion herum einen regelrechten Laufsteg schafft. Was die Baumeister hier vollzogen, ist aber gut durchdacht, denn die Verlängerung der Pyramidenseiten trifft sich an der Spitze genau mit der Spitze des Pyramidions (siehe Abb. 58). Dies kann nur den einen Grund haben, daß mit der gewählten Geometrie eine besondere Aussagekraft erreicht werden sollte. Um diese zu begreifen, soll die erzeugte Lösung als Grafik mit den Maßen und den sich ergebenden Höhen dargestellt werden.

Abbildung 56: Die Geometrie an der Spitze der Roten Pyramide

Was ergibt sich nun aus dieser Geometrie? Im Verhältnis zur Pyramidion-Basislänge von 3 KE ist die Basis der Pyramide genau 140 Mal länger. Damit taucht eine Ziffernfolge auf, die im Gangsystem dieser Pyramide in einer Verdopplungsfolge vorkommt:

3,5 - 7 - 14 - 28 - 56

Daß die Pyramidenbasis 140 mal größer ist als die Basislänge des Pyramidions ist demzufolge eine bewußte Planungsabsicht und rechtfertigt die von mir postulierten 420 KE Seitenlänge der Pyramide. Im nächsten Abschnitt werde ich detailliert darauf eingehen.

Das Faszinierendste ist jedoch, daß sich eine Reihe von außergewöhnlichen Brüchen ergeben.

Subtrahiert man von der Gesamthöhe der Pyramide die Höhe des Pyramidions, ergibt sich zur Plattformhöhe eine Differenz von = 0,0246... KE (= 1,288… cm), was der Dicke der Fuge entspricht.

Somit lassen sich alle genannten Höhenwerte als Bruch mit jener Zahl darstellen, welche die Neigung der Seitenflächen bestimmt: es ist die Zahl 325. Damit ergibt sich ein homogenes System von Brüchen, beginnend mit der Neigung der Seitenflächen bis hin zur Spitze.

Es bedarf schon einer gehörigen Portion Wissen, einen solchen Winkel zu finden, der in der weiteren Folge einen solchen Effekt aufweist. In dieses Phänomen reiht sich gleichfalls die Größe der Plattform ein, die sich ebenfalls als Bruch darstellen läßt. Diesmal finden wir im Nenner die 23, deren Erscheinen bereits angekündigt wurde. Es grenzt schon an das Unbegreifliche, daß die Planer einen Winkel gefunden haben, der bei einer Neigung von 44°44’3,6’’ in einer Höhe von 206 KE eine Breite der Plattform von 4 KE ergibt. Dies ist schlicht und einfach „Computer-Mathematik“, die unmöglich von Snofrus Baumeister stammen kann!

Und damit sind wir noch lange nicht am Ende. Erwähnt werden soll noch, daß das Pyramidion ein Volumen von genau 6 KE³ besitzt und die Diagonale der Pyramidiongrundfläche folgende Größe besitzt:

d = = 4,252640... KE = 222,144 666...cm!

Wieder ist es erstaunlich, wie die korrekte Umrechnung einer Königselle in Zentimeter zu Ziffernfolgen führt, die in der Zahlenmystik der Priester eine besondere Rolle gespielt haben und die dann auch in der Cheops-Pyramide auftauchen. Allein dieses Ergebnis ist ein indirekter Beweis dafür, daß die Königselle eine Länge von 52,36 cm besitzen muß und daß sie ein „verwandtschaftliches“ Verhältnis zum Zentimeter eingegangen ist.

Nun wird auch verständlich, warum sich Stadelmann über den größeren Neigungswinkel des Pyramidions gewundert hat, der – berechnet anhand der gezeigten Maße – zu einem Winkel von 53°7’48,37’’führt und damit deutlich größer ist als der Neigungswinkel der Pyramide. Es bestätigt sich, daß jedes Maß an den Pyramiden seinen verborgenen Sinn hat, und die Rote Pyramide macht hier keine Ausnahme.

Im nachfolgenden Abschnitt soll nun das Gangsystem im Detail betrachtet werden. Wir werden dabei auf eine Reihe von Zahlen bzw. Ziffernfolgen stoßen, die wir bereits kennengelernt haben und die wir zum größten Teil auch in der Cheops-Pyramide vorfinden werden. Daß dabei wieder geniale Zusammenhänge entdeckt werden, dürfte niemanden mehr verwundern.

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